Döner in der Nacht - eine ökonomische Analyse
Wer kennt das nicht, nach einer langen Nacht kommt plötzlich ein nächtlicher Heißhunger. Es muss schnell etwas zu essen her, am besten lecker und fettig - wohl um dem Alkohol etwas entgegen zu setzen. Dieses soll der Ausgangspunkt unserer folgenden Analyse sein, bei der wir uns näher mit der aktuellen Nacht-Imbiss-Situation in Münsters Innenstadt beschäftigen wollen. Münster ist ein beschauliches Städtchen mit rund 260 Tsd. Einwohnern, doppelt so vielen Fahrrädern und vielen Studenten, die unsere zu analysierenden Nachfrager nach nächtlichem Essen darstellen. In der Regel haben unsere Kunden wenig Geld in der Tasche, sind aber dennoch ziemlich preisunelastisch was einen guten Snack angeht, immerhin haben sie Hunger und sind betrunken.
Leider gibt es in Münster nur ein sehr beschränktes Angebot an Nachtimbissen und um zu verstehen, was sich jüngst ereignete, soll ein Beispiel eingeführt werden: Jeder Imbiss wünscht sich vor allem eines, nämlich den maximalen Gewinn. Dieses leuchtet unmittelbar ein und impliziert sowohl Kosten als auch Absatzmenge und Preis. Nehmen wir mal eine Dönerbude A an, die wirklich den besten Döner der Stadt macht. Hier arbeiten die besten Mitarbeiter, die sowohl charmant, als auch kompetent und geduldig sind. Das spricht sich natürlich rum und gegenüber allen anderen Dönerbuden hat A einen sogenannten Wettbewerbsvorteil. Eine zweite Dönerbude B produziert ebenfalls gute Döner, das Personal verhält sich freundlich und die Kundschaft ist zufrieden. B hat etwas, was sich unter einem guten Preis-Leistungsverhältnis zusammenfassen lässt. Dönerbude C hingegen ist ziemlich dürftig. Sie hat einen schlechten Ruf und einen Döner, der auch nicht besser ist. C wird nur im Notfall von Kunden aufgesucht. Am Ende des Jahres hat A eine Menge Gewinn übrig, Dönerbude B konnte auch einen kleinen, wenn auch im Vergleich zu A eher geringen Gewinn erwirtschaften. C hingegen hat gerade so plus Minus Null gemacht. Immerhin konnten alle Kosten gedeckt werden. Würde es auf dem Dönermarkt etwas härter zugehen, würde beispielsweise von der Stadt eine höhere Nachtlizenz verlangt, würden die Gewinne von A und B sinken und C würde Verlust machen und vom Markt verschwinden. Es ist auch vorstellbar, dass der Dönermarkt eine plötzliche Belebung erfährt. Dieses würde dazu führen, dass die Gewinne von A und B steigen und erstmals auch C einen Gewinn verzeichnet. Es würde zusätzlich dazu führen, dass Platz für eine neue Dönerbude D entsteht und zwar eine, die wieder Plus-Minus Null macht. D produziert zu so genannten Grenzkosten. Es entstehen i.d.R. nur geringe oder keine Gewinne. Wieviel Gewinn tatsächlich gemacht wird, hängt natürlich nicht nur von der Anzahl verkaufter Dönereinheiten ab, sondern im Wesentlichen von den dönerrelevanten Kosten. Natürlich muss hier ein besserer Standort auch über höhere Mieten bezahlt werden - denn je größer die Nachfrage, desto höher die Miete.
Unser Beispiel soll die Struktur auf einem Dönermarkt veranschaulichen. Es gibt sowohl gute als auch schlechte Dönerbuden und die schlechteste sozusagen, ist die erste die bei einer Marktverschärfung pleite geht. Wie hoch die Gewinne ausfallen, hängt vom Umsatz und den Kosten ab und wer gerade noch einen Euro Gewinn macht wird auf dem Markt verbleiben.
Letzens hat in Münster eine neue Dönerbude aufgemacht und zwar direkt am Rande der Partymeile schlechthin. Sie müssen sich vorstellen, dass es in Münster nunmal nicht viele Alternativen gibt, wo man nach 2 Uhr noch etwas Feiern kann. Jedenfalls liegen benannte Tanzlokale und Kneipen entlang einer Straße. Auf der Ecke zu Bussen und Taxis hat jetzt (ich nenne es mal so) ein “Dönerland” aufgemacht. Ich traute meinen Augen nicht, als ich sah, dass dort nun jeglicher Dönerverkehr stattfindet, während sich bei meiner gewohnten und nur 3 Minuten entfernten Bude plötzlich die Dönerwartezeit von 30 auf 7 Minuten verkürzte. Ich wollte wissen, was dran ist und testete den neuen Döner. Zugegeben, ich konnte keinen grundsätzlichen Unterschied feststellen. Der Preis war identisch, die Qualität vergleichbar, nur hatte das Dönerland einen entscheidenen Vorteil, ich sparte mir 150 Meter Fußweg. David Ricardo beschrieb bereits 1817 was auf Münsters Dönerlandschaft passiert: Die neue Dönerbude hat einen Wettbewerbsvorteil, der lediglich aus der Lage besteht. Beim nächtlichen Döner können Sie mir sagen was sie wollen, was eigentlich zählt ist die Lage. Wer hat schon Lust 3 Minuten länger als nötig zu torkeln, wenn nicht unbedingt nötig. Man sollte nach dieser Theorie meinen, dass die aus Konsumenten zu maximierende Größe, weder die Qualtität, noch der Preis eines Döners ist, sondern wie lange es dauert bis man sich den Magen gefüllt hat. Demnach sollte sich aber ein erheblicher Teil der Kundschaft auf den herkömmlichen Dönerladen verteilen, wenn das Dönerland überfüllt ist. Dieses wurde allerdings vom neuen Dönerladen vorbildlich antizipiert, man richtete kurzerhand Riesentheken ein, die es dem Laden ermöglichen enorme Dönermengen in Stoßzeiten zu produzieren.
Ich besuchte meinen alten Laden und schaute in traurige Gesicher. Während der Laden sonst zwischen 2 und 5 Uhr nachts aus allen Nähten platzte, gähnt dort jetzt Leere und Verzweifelung. Ricardo erlaubt uns weitere Erkentnisse: Erstens, der alte Dönerladen ist gezwungen die Preise zu reduzieren, die Qualtität zu verbessern oder sonst irgendetwas zu tun. Er wird Anstrengungen finanzieren müssen und wahrscheinlich einen Preis wählen, der nahe seiner Grenzkosten liegt. Der Gewinn wird sinken. Sollte ein Verlust nicht mehr auszugleichen sein, wird er vom Markt verschwinden. Traurig aber wahr. Eine zweite interessante Erkentniss lässt sich von Ricardo übertragen: Wenn Sie aufgepasst haben, müssten Sie mir antworten können auf die Frage: Wer profitiert vom neuen Dönerladen? Die Antwort kommt für den Laien unerwartet, der Vermieter des Ladens! Ein schlauer Vermieter hat nur einen kurzen Vertrag mit dem neuen Dönerladen abgeschlossen. Er wird seine Miete nun solange erhöhen, bis Dönerland ebenfalls zu Grenzkosten produziert, mit anderen Worten: Der neue Laden wird die steigende Miete solange zahlen, wie es sich für ihn lohnt, d.h. solange er noch mindestens einen Euro Gewinn erwirtschaftet.
Aus volkswirtschaftlicher Perspektive ist die erfahrende Entwicklung durchaus wünschenswert. Wahrscheinlich wird sich im benannten Quadranten sowohl die Dönerqualtität erhöhen, als auch eine Preis und Wartezeitverringerung auftreten. Zumindest solange es noch den guten alten Dönerladen gibt und dieser sich ökonomisch verhält. Wir halten fest: Für einen nächtlichen Dönerladen ist nur die Lage entscheidend und hiervon profitiert der glückliche Vermieter.
You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can leave a response, or trackback from your own site.
Oktober 21st, 2007 at 16:03
Aufgrund meiner berufsbedingten sozialen Einstellung werde ich allerdings aus Prinzip, dem guten alten Dönerladen die Treue halten. Ich rufe also hiermit auf, 150 Meter weiter zu gehen!
Oktober 22nd, 2007 at 13:43
Aufgrund meines Marketing und Mobile-Hintergrundes, hier noch ein paar Anmerkungen:
1) Preis ist zwar ein starker Indikator, bei vergleichbaren Produkten, wie z.B. Döner, dennoch lisst sich durch starke Markenbindung und Image-Kampagnen die Awareness der Kunden, unabhängig von der Attraktivität der Lage und des Angebots, beeinflussen. Denn es kommt ja nicht von ungefähr, dass Korbinian und Kerstin trotzem zu Döner C gehen und demnach nich rational handeln.
2) Der Faktor Lage kann auch bei einen Dönerladen zu veränderten Geschäftsmodellen führen. Stichwort Internet und Handy. Wie wäre es, wenn Dönerladen C über Push-Mail oder SMS zu einer gewissen Uhrzeit (2 Uhr Münster-Night-Time) an Ihre Kunden auf Ihre speziellen Angebote aufmerksam macht und Ihnen gleichzeitig die Möglichkeit gibt schon individuell den “perfekten” Döner vorzubestellen, evtl. sogar für einen höheren Preis?!
Ich könnte natürlich noch weiter das Thema verBWLn, aber dann wird der Blog zu lane
Viele Grüße und weiter so, Scholly
Oktober 23rd, 2007 at 17:35
Ich ziehe den neuen Dönermann vor und freue mich auf ein Wiedersehen mit Kerstin und Korbinian sobald sie ihren Idealismus zwischen Schaf und Barock ertränkt haben.
Viele Grüße und mehr von diesen Beiträgen! P.
November 23rd, 2007 at 16:19
Eine wirklich sehr gelungene “Analyse” der Dönersituation in Münster - trotzdem werde ich lieber den weiteren Weg gehen.
Ich hoffe nur, dass dort nicht der Preis und damit auch evtl. die Qualität (subjektiv) fällt und sich so dem besser gelegenen Laden anpasst-auch wenn es darum geht ökonomische Nachteile auszugleichen! Man darf auch nicht vergessen daß sie über Jahre sehr gute Gewinne gemacht haben müssten…
Weiter so!
November 27th, 2007 at 16:45
eine interessante analyse.
und dass ich für meinen teil sehr viel wert auf ordentliche qualität lege.
dabei möchte ich aber einmal unterstellen, dass ein guter teil der nächtlichen dönerkonsumenten nicht unbedingt rational entscheiden (es ist mal jemand vom schaf zum bahnhof gelaufen zum essen
der in der analyse angesprochene dönerladen hat mich bei meinem ersten besuch wirklich überrascht. er ist groß, sauber und immer rappelvoll (nicht unbedingt ein nachteil). und der extra-service (”noch n bissl mehr scharf bitte… noch ein wenig… jaaa so ist gut”
überzeugt auch.
allerdings hab ich erst letztens ein anderes lokal entdeckt für das ich ein paar nächte später tatsächlich einen umweg in kauf genommen habe, weil der döner da ABSOLUT JEIL is
die riesentheken sind meiner meinung nach auch ein erklärender faktor für den enormen erfolg der neuen bude. ein anbieter allein wäre gar nicht in der lage die gesamte nachfrage zu bedienen und auch mit großen theken fällt für die kleinen buden wohl immer noch genug ab, um sich grad so über wasser zu halten.
insofern kann ich den fazit nicht 100%ig zustimmen, aber das kann sich ja in nächtlicher diwkussionsrunde bei nem guten döner mal ändern (:
weiter so, korbinian
so long
dersteven